Die Kleidung in der Steiermark im 14. Jhdt.
von Thomas Schegula (2008)

Generell wird die Meinung vertreten, dass die modischen Strömungen die sich im 14. Jhdt. in Europa gebildet haben, auch in der Steiermark bzw. in Graz durchaus vertreten waren. Die Grundzüge, Farbigkeit der Stoffe, Kürze des männlichen Leibrocks, Gugel, Schleier uä. sind im selben Maße umgesetzt wie in den umliegenden Ländern Deutschland, Italien und Burgund.

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Der kurze Leibrock (Schecke, Wams, Joppe) wurde in der zweiten Hälfte des 14. Jhdts. sehr körperbetont geschnitten. Er konnte aufgrund der Enge nicht mehr wie bisher über den Kopf angezogen werden, sondern wurde vorne geöffnet und über Rücken und Arme angezogen. Die Vorderseite wurde nun mit zahlreichen Knöpfen verschlossen.

Aufgrund der Kürze des Leibrockes wurde es notwendig, die bis dahin noch einzelnen Beinlinge, die an der Bruche oder am Gürtel angenestelt waren, mit einer Naht zu verbinden, sodass sie auch den Unterleib bedeckten. Wo dies aufgrund der Dehnbarkeit des verwendeten Stoffes nicht möglich war, wurden die Lappen, mit denen die Beinlinge angenestelt wurden, so breit, dass sie den Körper vorne und hinten bedeckten ("geschwänzte Beinlinge"). Diese stellten die erste Stufe zu den geschlossenen Hosen des 15. Jhdts. dar.

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St. Magdalenenkirche in Judenburg
Glasfenster in Viktring

Besonders die Gugel scheint bei den Steirern besonders beliebt gewesen zu sein, wie ein Ausschnitt aus der Reimchronik zeigt. Ottokar bemängelt hier die Verweichlichung der Ritterschaft in der er die "gute alte Zeit" vermisst.

nû ist ein gewonheit
unde ein gemeiner sit
wont nû den Stîraeren mit,
der ist nû deheiner,
grôzer oder kleiner,
er müez an dem kragen
staet ein gugel tragen,
daz i der hals belîbe wîz.
ez wurd iu ein itewîz
kaemt ir mêre zuo dem Rîn!
iuch widersaezen die Henikîn
sô sêre niht mêr als vor
dô etlicher als ein môr
von arbeit was gevar
swarz und râmvar
was den wîben begarbe
ritterliche varbe.

nû behüetent si sich alle gelîch
mit den gugeln flîzicklich,
daz sie diu sunne niht verbrenne.
ouch was etewenne
ein site widerzaeme
der nû ist gar genaeme:
etlich man ir hâr ziern,
als wîlen tâten die dîern
und noch solden begân.
swâ wîbes siten phlegten man,
die hieten grôzen spot erliten.
dô man lebt nâch alten siten -
ich gedenc, des ist niht lanc -
swen grôzer frost betwanc,
daz er winderzîten
in einer gugel muost rîten,
der erbeit kûm
daz er âne sûm
di gugel ab naeme,
sô er ze herberg kaeme:
nû dunkt es manigen sô genaeme,
daz er halt ungerne kaeme
ûz der gugel, sô er izzet,
und swer sîn gugel nû niht mizzet,
daz der spiz hab spanne lenge,
und daz si niden sî sô enge,
daz daz houbt kûm hin durch kumt,
diu gugel niht enfrumt.
nû wolt got ir Stîraere,
daz iu der site noch liep waere,
des iwer vordern phlâgen ...

Es hat sich jetzt eine Gewohnheit
und allgemeine Sitte
bei den Steirern eingebürgert,
dass kener unter ihnen ist
er sei vornehm oder gering,
der nicht an dem Halskragen
beständig eine Gugel tragen müsste,
damit ihm der Hals weiß bleibe.
Es wäre Euch eine Schande,
kämt Ihr fernerhin an den Rhein!
Euch fürchteten die Henikin
nicht mehr so wie früher,
da einige von Arbeit
wie Mohren aussahen;
schwarz und schmutzig
war den Frauen durchaus
eine ritterliche Farbe.
Jetzt schützen sich alle auf gleiche Weise
sorgsam mit den Gugeln,
dass sie die Sonne nicht verbrenne.
Auch galt seinerzeit
eine Sitte als abscheulich,
die nun gar wohlgelitten ist:
Manche Männer schmücken ihr Haar,
wie es ehedem die Mägde taten
und es noch tun sollten.
Wo irgend damals Männer die Sitten der Weiber gepflegt hätten,
die hätten großen Spott erlitten.
Als man noch nach alten Sitten lebte -
ich denke, das ist nicht lange her -
wenn da jemanden starke Kälte zwang,
dass er zu Winterszeiten
in einer Gugel reiten musste,
der konnte es kau erwarten,
dass er ohne Verzug
die Gugel abnahm,
sobald er zu einer Herberge kam.
Jetzt aber dünkt es manchem so wohlgefällig,
dass er selbst beim Essen
nicht gern aus der Gugel will.
Und wer eine Gugel hat,
deren Zipfel nicht spannenlang ist
und die nicht so eng ist,
dass er mit dem Kopf kaum hindurch kommt,
dem gilt sie als unnütz.
Nun wollte Gott, ihr Steirer,
dass Euch die Sitte noch lieb wäre,
die Eure Vorderen pflegten ...

Bis ins 13. Jhdt. scheint die Gugel immer noch mit dem Mantel aus einem Stück geschnitten gewesen zu sein (cucullus - aus der mittellateinischen Form cuculla wird cugula und Gugel). Während des 14. Jhdts. wurde die Gugel durch ihre weitere modische Veränderung ganz vom Mantel getrennt und zu einem selbständigen Kleidungsstück, das den Kopf umhüllte und kragenartig über die Schultern fiel. Der schon früher verlängerte Zipfel wurde nun in der Mode wie ein Elefantenrüssel als langer, dünner Schwanz gestaltet, der Kopfteil oft mit Perlen geschmückt, der Halsteil gezaddelt, Futter und Außenstoff wurden aus feinen farbigen Tüchern oder Seide bereitet usw. Dabei gab es landschaftliche Verschiedenheiten. Auch bei steirischen Adeligen ging die Gugelmode in die Frauenkleidung über. Eine Urkunde vom 5.1.1372 (Marburg a.d. Drau) führt unter der Morgengabe der Gemahlin Friedrichs von Stubenberg neben anderen Kleinodien, auch "ain gugel mit perlein" an.

Viktor Geramb beschreibt im steirischen Trachtenbuch vor allem den Einfluss auf die ländliche Bevölkerung von der er annimmt, dass sie eher den bedächtigen und nicht so ausgefallenen Formen gefolgt sind: "... Allerdings sind es - auch damals - nur die ausgemachten Stutzen gewesen, die alle Narrheiten dieser Mode mitgemacht haben. Die besonnenen Adeligen und Bürgerlichen folgten den neuen Bekleidungsgedanken nur langsam in sehr gemäßigten Formen und nur in ihren Hauptzügen".

Als Hauptquelle für diese modischen Neuerungen nennt Konrad Mautner die Chronik des Anonymus Leobiensis. Sie macht deutlich, dass sich die Kleidung in der Steiermark der 2. Hälfte des 14. Jhdts. von anderen deutschen Städten nicht wesentlich unterschieden haben dürfte. Fritz Popelka gibt zusätzlich an, dass man in Graz auch vestärkt der burgundischen Mode gefolgt wäre, was er auf einige Kleiderordnungen zurückführt, die auf den burgundischen Stil hindeuten.

Meiner Meinung nach, liegt er hier nicht ganz richtig, da alleine aufgrund der geographischen Nähe zu Italien der Einfluss aus Oberitalien durchaus größer war, zumal die wichtigsten Handelsrouten zwar über den Brenner und durch Kärnten geführt haben, und dort der italienische Einfluss sehr hoch war. Dies dürfte wie eine Art "Puffer" gebenüber Burgund gewirkt haben.

Am Ende des 14. Jhdts. dürfte daher ein bunter Mix in der Mode geherrscht haben, da zum einen noch die Einflüsse aus dem 13. Jhdt. fortgewirkt haben und zum anderen sich die Neuheiten noch nicht völlig bei allen Bevölkerungs-schichten durchgesetzt haben.

Quellenverzeichnis:
Mautner, Konrad/Geramb, Viktor: Steirisches Trachtenbuch, Reprint von 1988, S 261 ff
Popelka, Fritz: Geschichte der Stadt Graz, Bd II, Nachdruck 1984

 

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