Die Randgruppen der Gesellschaft
von Katrin Schegula (2007)
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Im Mittelalter entschied bereits die Geburt über dir Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gesellschaftsschicht. Viele Menschen wurden daher »schuldlos« in eine Randgruppe hineingeboren und gehörten damit zu den Außenseitern der Gesellschaft, wie zum Beispiel die Kinder von Henkern oder Spielleuten, denen oftmals nichts anderes übrig blieb, als den Beruf der Eltern zu ergreifen. Andere gerieten durch Armut oder Krankheit in die Klasse der Ausgeschlossenen, wie zum Beispiel Leprakranke oder aber durch eigenes Handeln, wie etwa Raubritter und Räuber. |
Neben den drei überlieferten Ständen des Mittelalters,
- Geistliche,
- Adelige und
- Bauern,
gab es im Mittelalter noch zahlreiche andere Gruppen in der Bevölkerung, die sich nicht eindeutig einem Stand zuordnen ließen und deshalb auch am Rande der Gesellschaft standen.
Diese Menschen waren oft von der Barmherzigkeit der Solidargemeinschaft abhängig, denn eine Sozialversorgung wie wir sie kennen gab es damals noch nicht. Den besten Schutz bot die Familie selbst, problematisch wurde es, wenn man dann im Alter auf sich selbst gestellt war.
Randgruppen entstanden damals wie auch heute durch Ausgrenzung, Diskriminierung und Stigmatisierung. Wirtschaftliche und soziale Ängste, Aberglaube, diffuse Vorstellungen und die eigene Abgrenzung innerhalb der Gesellschaftshierarchie ließen die mittelalterlichen Randgruppen entstehen. Die meisten Außenseiter zogen herum, was sie hochgradig verdächtig macht e, denn die christlichen Gelehrten des Mittelalters, die noch an den mönchischen Idealen der Stabilität und Beständigkeit festhielten, setzten diese Mobilität mit Unstetigkeit gleich. Man muss aber bedenken, dass nur derjenige sesshaft sein konnte, der es sich auch materiell leisten konnte, doch das betraf im Mittelalter die wenigsten Menschen. Eine Stigmatisierung erfolgte oft durch Kleidervorschriften, wie zum Beispiel für Dirnen und Narren, durch Abzeichen oder Ausweise, wie zum Beispiel dem Bettelzeichen. So waren die Außenseiter schon von Weitem erkennbar, ihr Stigma war ihnen so zu sagen auf die Haut gebrannt. Erfindungsreichtum und das Sprengen gesellschaftlicher Normen war im Mittelalter für Angehörige einer Unterschicht oder Randgruppe oft die einzige Möglichkeit, um zu überleben: ehrliche Almosenhascherei bis zum betrügerischen Betteln, Verkauf von Tand aller Art, Vorführen von Unterhaltungskunststücken, Ausüben einer verachteten Tätigkeit wie Latrinenreinigen, sowie Diebstahl, Raub und Mord standen für viele auf dem Tagesplan.
Doch die Haltung gegenüber diesen verachteten Gruppen war widersprüchlich und zweigeteilt: Man ermordetet und vertrieb jüdische Mitmenschen, doch andererseits brauchte man sie als Kreditgeber. Die stadteigenen Bettler unterstützte man durch Almosen um für sein persönliches Seelenheil zu sorgen, fremde Hungerleider jagte man davon. Spielleute und Gaukler wurden als Abschaum verachtet, doch ihre Darbietungen zogen die Menschen magisch an. Alles war willkommen, was Abwechslung bot, und wenn es nur eine öffentliche Hinrichtung war – Hauptsache, es gab etwas „zu gaffen“.
Die mittelalterliche Unterschicht stellte die Mehrheit der damaligen Gesellschaft dar, aus ihr gingen auch die meisten Randgruppen hervor.
Randgruppen können nach ihrem Rechtsstatus unterteilt werden: Juden, Muslime sog. Zigeuner und Heiden galten als „rechtlose, d.h. rechtsunfähige oder nur eingeschränkt durch das Recht geschützte Personen“. Um einen gewissen Rechtsschutz zu erhalten, waren diese Menschen auf kaiserliche Privilegien angewiesen, die aber z.B. im Falle der Juden, oft nicht viel wert waren.
Ausgestoßene Schwerverbrecher wie Münzfälscher, Hochverräter, Mörder, Ketzer, Hexen und Sodomiter hatten gar keine Rechte mehr. Die Rechtlosigkeit zog in jedem Fall auch den Ehrverlust nach sich.
Neben diesen zwei Gruppen gab es noch eine Vielzahl von Angehörigen sogenannter „unehrlicher“ Berufe, wie Henker und Abdecker, Totengräber, Spielleute, Gaukler und Schausteller aller Art, Schaufechter und Lohnkämpfer, Prostituierte, Müller, Schneider, Schäfer, Ratten- und Hundefänger, Leineweber, Bader und Barbiere, Quacksalber und Wunderheiler, und besonders Angehörige dienstleistender Berufe wie Hebammen und Latrinenreiniger standen im Verdacht der Unehrlichkeit.
Auch geistig und körperlich eingeschränkte Menschen bilden eine eigene Randgruppe in der mittelalterlichen Gesellschaft. Narren und Geisteskranke Menschen, die man oft in sog. „Tollhäuser“ einsperrte, galten als gottfern. Leprakranke wurde räumlich ausgegrenzt, Bucklige, Klumpfüßige, Bocksfüßige oder Rothaarige galten als vom Teufel besessen.
Doch nicht jeder, der der Unterschicht angehörte, war auch gleichzeitig Angehöriger einer Randgruppe. Menschen, die der Unterschicht angehörten, wie Gesellen, Lehrlinge, Tagelöhner, Lohnarbeiter, weibliche Dienstkräfte, etc., waren nicht automatisch recht - und ehrlos.
Aufgrund der Vielschichtigkeit der mittelalterlichen Randgruppen haben Historiker vorgeschlagen, zwischen einem weit gefassten Begriff der Randgruppen, unter den alle Armen, Bettler, Ausgestoßenen, Minderberechtigte und Verborgene einzuordnen sind, sowie einem engeren Randgruppenbegriff, unter dem nur diejenigen Gruppen zu verstehen sind, denen rechtliche Einschränkungen auferlegt wurden.
Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, nach dem Bilde Gottes schuf er ihn, als Mann und Frau schuf er sie (Gen I,27).
Quellenverzeichnis:
Meier Frank: Aussenseiter im Mittelalter. Gaukler, Dirnen Rattenfänger. Ostfildern: Jan Thorbecke Verlag 2005.

