von Bernhard Lechner (2007)
Erfunden wurde die Kettenrüstung höchstwahrscheinlich von den Kelten spätestens im 3.Jahrhundert v. Chr. Diese ersten Kettenhemden dürften ärmellos gewesen sein und hatten Taillenlänge. Ebenso kam bei den Römischen Streitkräften im 3.Jahrhundert v Chr. das Kettenhemd unter der Bezeichnung Lorica Hamata auf. Das Römische Kettenhemd unterschied sich vom Keltischen darin, dass es kurzärmelig war und bis zu der Mitte der Oberschenkel reichen konnte. Zusätzlich hatten die Römischen Kettenhemden einen Kragenteil aus Kettengeflecht. Typisch für die römischen Kettenhemden war die Verwendung gestanzter Ringe oder Scheiben, die durch Drahtringe miteinander verbunden wurden. Bezieht man die Herstellung der Halbprodukte, wie Draht bzw. Eisenplatten mit in die Überlegung ein, liegen die Vorteile der Verwendung gestanzter Ringe klar auf der Hand: Es ist um ein Vielfaches einfacher und schneller aus dem Eisenbarren, dem Ausgangsmaterial, eine Platte mit einer Stärke von ca. 1 mm zu schmieden, als einen Draht zu ziehen.
Weitere Vorteile der gestanzten Ringe sind das Fehlen einer Sollbruchstelle, denn die Materialstärke ist durchgängig gleich, und nach dem Einarbeiten ins Hemd entfällt die Notwendigkeit des Vernietens der gestanzten Ringe.
Zum Vernieten des Drahtrings wurden die beiden Enden überlappt, flach gehämmert, ein Loch hineingetrieben, in das ein kleines dreieckiges Stück Metall gesteckt und am spitzen Ende umgehämmert wurde. Neben zahlreichen anderen Rüstungsarten wurde die Kettenrüstung in der Spätantike bis zum Untergang des Weströmischen Reiches im 5. Jahrhundert n. Chr. verwendet. Das Römische Kettenhemd wurde dann in kürzerer Form von den Germanen übernommen. Auch im Sassanidenreich fand es Verwendung. Diese ersten Kettenhemden wurden bereits aus gezogenem Draht hergestellt.
Einer der ältesten bekannten Drahtziehsteine stammt aus San Zeno in Südtirol aus dem 5. - 2. Jh. v. Chr.
Beim Drahtziehen wird ein früher durch Schmieden, heute durch Walzen entstandener grober Draht kalt durch die sich verjüngende Öffnung eines Zieheisens, Ziehsteins oder Walzgerüstes gezogen. Er wird länger und dünner, ohne dass es zu Materialverlusten kommt. Von Produktionsgang zu Produktionsgang zieht man ihn durch immer kleinere Öffnungen, bis er schließlich die gewünschte Abmessung hat - meistens rund. Ursprünglich wurde Draht mit Muskelkraft gezogen, einer körperlich anstrengenden Arbeit, zu der es bis ins späte Mittelalter keine Alternative gab.
Schon um das 3. Jahrhundert v. Chr. fertigten die Ägypter durch verschiedene Techniken Golddrähte und verarbeiteten sie zu Schmuckstücken weiter. Seit dem 14. Jahrhundert ist Drahtziehen mit Wasserkraft belegt.
Im Frühmittelalter gab es auf Europäischen Boden (bis auf Byzanz) nach dem Zusammenbruch des Weströmischen Reiches lange Zeit keine nennenswerte Rüstungsindustrie. Kettenhemden waren in dieser Zeit eher selten, was nur den Wert einer Kettenrüstung erhöhte. Erst Im 12. Jahrundert wurde das Kettenhemd zur wichtigsten Rüstung des Ritters. In Folge der Kreuzzüge wurde das Kettenhemd aus dem Orient wieder nach Europa eingeführt. Eine komplette mittelalterliche Kettenrüstung, die einen Großteil des Körpers schützte, bestand meist aus 30 0000 Stahlringen, die ineinander vernietet wurden, um ein Aufplatzen der Ringe, etwa durch Pfeilschüsse, zu erschweren. Deshalb war es äußerst aufwändig, eine solche Rüstung herzustellen, was sich auch im Preis widerspiegelte. Eine Kettenrüstung konnte so viel kosten wie mehrere Dutzend Rinder, weshalb es sich zunächst nur wohlhabende Adlige und manchmal auch Geistliche leisten konnten, eine solche Rüstung zu erwerben. Nachdem die Methode des Drahtziehens verbessert wurde, konnten Kettenhemden in erheblich größerer Anzahl hergestellt werden. Das Kettenhemd, auch Hauberk genannt, war die am meisten verwendete Rüstung des 13. Jahrhunderts.
Eine Kettenrüstung bot einen sehr guten Schutz vor Schnittverletzungen, aber gegen wuchtige Hiebe und kraftvolle Stiche half sie nur wenig. Deshalb wurde es im Hochmittelalter üblich, unter der Kettenrüstung einen Gambeson (gepolstertes Wams) zu tragen. Dadurch erhöhte sich der Schutz, den eine Kettenrüstung vor Hieb und Stichwaffen bot. Der Nachteil einer Kettenrüstung lag darin, dass ein Großteil ihres Gewichtes auf den Schultern des Trägers lastete. Mit Hilfe eines um die Hüfte gebundenen Ledergürtels wurde einiges Gewicht auf den Beckenbereich abgeleitet, wodurch das Gewicht der Kettenrüstung auf den ganzen Körper verteilt werden konnte. Die Hersteller von Kettenrüstungen wurden in Deutschland Panzermacher oder Sarwürker genannt. Die Panzermacher waren zunftgebunden. Vor allem das Deutsche Reich galt als Hochburg dieses Handwerks in Europa. Aufgrund ihrer mangelhaften Schutzwirkung bei Pfeil und Armbrustbeschuss und Waffen mit dünner Klinge oder Spitze (Stichwaffen) begann man Mitte des 13.Jahrunderts die Kettenrüstung nach und nach durch Metallplatten zu verstärken oder zu ersetzen. Diese Entwicklung war um das Jahr 1400 abgeschlossen und resultierte in dem Plattenpanzer. Da ein Plattenpanzer aber möglichst flexibel sein musste, blieben bestimmte Körperteile, wie die Achseln und der Genitalbereich ungeschützt. Deshalb trug man noch längere Zeit nach Aufkommen des Plattenpanzers ein Kettenhemd unter dem Harnisch, oder man schützte zumindest die Lücken, die der Plattenpanzer ließ, durch Kettengeflecht. Beim einfachen Fußvolk war es zum Beispiel noch im 16. Jahrhundert üblich, einen Hals- und Nackenschutz aus Kettengeflecht - den so genannten Bischofskragen - zu verwenden. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts kam zwar ein Genitalschutz für Plattenpanzer die so genannte Brayette auf, diese konnte aber auf dem Rücken eines Pferdes nicht getragen werden, weshalb auch in diesem empfindlichen Bereich manchmal noch Kette verwendet wurde. Mit dem Verschwinden des Plattenpanzers in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts kam auch das endgültige Ende für die letzten Reste der Kettenrüstung. Kettenhemden wurden noch bis 1910 bei pakistanischen Stammesangehörigen im Kampf getragen. Dies ergibt eine Nutzungsperiode von über 2300 Jahren. Während des Ersten Weltkriegs experimentierte man wieder verstärkt mit dem Einsatz von Rüstungen, darunter auch Kettenrüstungsteile. So trugen britische Panzer-Besatzungen einen Gesichtsschutz aus Kette, zum Schutz vor den ausgeworfenen Patronenhülsen der eigenen Maschinengewehre. Danach verschwand die Kettenrüstung endgültig aus dem Sortiment der verwendeten Schutzwaffen.
Quellenverzeichnis:
